ASB Magazin
September 2025
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© Johanna-Marie Lösche, ASB-LV SH

Pflege wird teurer – aber nicht automatisch verständlicher
Wie sich gesetzliche Reformen auf die ambulante Pflege in Schleswig-Holstein auswirken

Die Einführung der Tariftreueregelung war ein längst überfälliger Schritt – auch wir im ASB Schleswig-Holstein begrüßen ausdrücklich, dass Pflegekräfte nun tariflich oder tarifnah bezahlt werden müssen. Unsere Kolleg:innen leisten Tag für Tag anspruchsvolle und wertvolle Arbeit, die endlich fair entlohnt werden soll. Doch auch wenn die gesetzliche Vorgabe richtig und wichtig ist, bringt sie neue Herausforderungen mit sich – vor allem für die ambulante Pflege in Schleswig-Holstein.

Weniger Leistung trotz steigendem Bedarf 
Viele Pflegebedürftige und ihre Angehörigen im Land erleben derzeit eine irritierende Entwicklung: Obwohl der persönliche Pflegebedarf gleich bleibt oder sogar steigt, können bei unveränderter Einstufung oft weniger Leistungen in Anspruch genommen werden. Der Grund liegt in den gestiegenen Vergütungssätzen – gut für die Pflegekräfte, aber problematisch für das begrenzte Sachleistungsbudget. 

Die Folge: weniger abrufbare Leistungseinheiten bei gleichem Bedarf. Viele unserer Kund:innen sind dadurch verunsichert: Die Preise steigen – aber im Alltag scheint die Unterstützung abzunehmen. Die Sorge ist groß, für höhere Beiträge am Ende weniger zu bekommen.

Minutenpflege statt Menschlichkeit
Zusätzlich bleibt das verrichtungsbezogene Abrechnungssystem bestehen – ein Modell, das mit dem Gedanken einer personenzentrierten Pflege schwer vereinbar ist. Nach wie vor wird Pflege in Minuten und Modulen gemessen, nicht in Gesprächen, Beziehungen oder emotionaler Begleitung. Dabei ist gerade das für viele Menschen in Schleswig-Holstein besonders wichtig – besonders im ländlichen Raum, wo Pflege oft auch soziale Teilhabe sichert.

Unsere ambulanten Pflegedienste berichten zunehmend davon, dass das Pflegegeld nicht nur für pflegerische Leistungen verwendet wird, sondern auch zur Deckung alltäglicher Lebenshaltungskosten dient – Miete, Lebensmittel oder Energiekosten. Der Kühlschrank ist gefüllt, doch die pflegerische Versorgung kann nicht mehr ausreichend eingekauft werden. Auch das Kombinationsmodell aus Pflegesachleistungen und Pflegegeld gerät dadurch unter Druck. Für die Dienste im Land wird es dadurch schwieriger, eine stabile und umfassende Versorgung zu gewährleisten.

Pflege braucht gesellschaftliche Rückendeckung
Diese Entwicklung stellt uns im ASB Schleswig-Holstein vor eine zentrale Frage: Wie kann ambulante Pflege in Würde gelingen, wenn finanzielle und strukturelle Rahmenbedingungen immer weniger Spielraum lassen?

Wir brauchen dringend neue Lösungen – auch auf Landesebene –, die wirtschaftliche Realität, Fachkräftesicherung und soziale Gerechtigkeit miteinander verbinden. Es braucht mehr als nur Reformen auf dem Papier. Es braucht ein Umdenken. Denn Pflege ist mehr als nur Dienstleistung. Sie ist Beziehungsarbeit, Lebenshilfe – und eine gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe.

Wir handeln bereits – für eine Pflege mit Zukunft
Beim ASB-Landesverband Schleswig-Holstein arbeiten wir aktiv an den Lösungen, die jetzt dringend gebraucht werden: Wir entwickeln neue Strategien, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen – nicht die Minuten. Wir setzen auf innovative Ansätze bei der Fachkräftesicherung, tragfähige Netzwerke im ländlichen Raum und transparente Kommunikation mit Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen. Unsere Projekte zeigen: Ambulante Pflege kann auch unter schwierigen Bedingungen zukunftsfähig gestaltet werden – menschlich, verständlich, praxisnah und nachhaltig. Gemeinsam mit unseren Teams vor Ort erarbeiten wir Veränderungen mit Weitblick.


Text: Fachreferat Pflege des ASB-Landesverbandes Schleswig-Holstein