ASB Magazin
März 2025
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© ASB/Stefanie Loos

„Solidarität ist immer konkret“

ASB verleiht Annemarie-Renger-Preis 2024 an den Verein Neuland gewinnen

Jene Menschen zu würdigen, die sich für die Demokratie einsetzen, die täglich für die Gemeinschaft einspringen, die den Zusammenhalt fördern – das galt auch bei der Verleihung des Annemarie-Renger-Preises 2024. Der ASB-Bundesvorsitzende Knut Fleckenstein überreichte Ende November die Auszeichnung und ein Preisgeld in Höhe von 20.000 Euro an den Verein Neuland gewinnen aus Mecklenburg-Vorpommern. Im Berliner Humboldt Carré kamen Vertreter:innen aus Gesellschaft, Verbänden und Ehrenamt zusammen, um die Initiative zu würdigen, die sich für den sozialen Zusammenhalt in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands starkmacht. Fleckenstein unterstrich: „Angesichts zunehmender gesellschaftlicher Spaltungen und eines wachsenden Bedarfs an sozialem Engagement möchte der ASB mit dieser Auszeichnung zu einem solidarischen Miteinander in der Gesellschaft beitragen.“

Ein starkes Zeichen für die Zivilgesellschaft
Die Verleihung des Preises war der Höhepunkt eines Abends, der Raum für Würdigung und zugleich nachdenkliche Töne bot. In ihrem Gastbeitrag betonte die preisgekrönte Autorin Anne Rabe, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit sei. Demokratie bedeute für jeden Einzelnen, frei und sicher zu leben, ohne sich zu fürchten. Doch auch in Deutschland hätten sich die gesellschaftlichen Debattenräume verändert, demokratische Selbstverständlichkeiten stünden mittlerweile offen zur Diskussion. Die Autorin mahnte: „Solidarität ist immer konkret und verbirgt sich nicht in Worthülsen“ und richtete sich mit einem eindringlichen Appell an die Zuhörenden: „Lasst uns alles dafür tun, die Zivilgesellschaft zu schützen und demokratische Räume zu schaffen.“  

Neuland gewinnen e. V. hat sich zur Aufgabe gemacht, den ländlichen Raum neu zu beleben – dort, wo Abwanderung, Leerstand und mangelnde Infrastruktur das Leben erschweren. Der Verein unterstützt seit 2017 engagierte Menschen, die mit kreativen Projekten und innovativen Ideen ihre Heimat verändern wollen. „Ihr Engagement für ein solidarisches Miteinander ist ein leuchtendes Beispiel dafür, was lokale Initiativen bewirken können. Sie stärken nicht nur Netzwerke, sondern auch den Glauben an die Kraft des Gemeinsamen“, lobte Knut Fleckenstein die Arbeit des Vereins. 

In seiner Dankesrede bedankte sich Andreas Willisch, Vorstand von Neuland gewinnen, mit den Worten „Wir und derjenige Teil der Zivilgesellschaft, den wir zu stärken versuchen, das sind eigentlich die Leisen, die eher nicht in den Headlines und den Topmeldungen vorkommen“ und ergänzte in Richtung Politik: „Aufgrund der Haushaltssituation stehen gerade die großen demokratiestärkenden Programme des Bundes still. Das sind viele Millionen Euro, die der Demokratie gerade jetzt fehlen. Ich wünsche mir heute von Ihnen, dass Sie diesen Stillstand sofort beenden.“

Gemeinsam für das Gemeinwohl
Der ASB, selbst ein unverzichtbarer Akteur in der deutschen Zivilgesellschaft, versteht sich als Partner solcher Gemeinschaften. Seit über 135 Jahren hilft der ASB Menschen in Not und stärkt den sozialen Zusammenhalt. Das Herzstück des ASB ist das freiwillige Engagement: Über 20.000 

Ehrenamtliche leisten täglich unverzichtbare Arbeit, sei es bei der Begleitung älterer Menschen oder in der Ausbildung von Ersthelfer:innen. Und so war es dem Bundesvorsitzenden Knut Fleckenstein eine besondere Ehre, an diesem Abend auch die „Freiwilligen des Monats 2024“ des ASB zu begrüßen. Ihr Einsatz, etwa in der Demenzbetreu-ung, der Rettungshundestaffel oder im Katastrophenschutz, setze ein eindrucksvolles Zeichen von Menschlichkeit und Solidarität.

So erzählte Bernd Brandtner (65) an diesem Abend den Gästen, dass er sich eine ehrenamtliche Tätigkeit gesucht habe, um auch seiner Einsamkeit entgegenzuwirken. Im Rahmen seines Engagements betreut er Menschen mit Demenz beim ASB Mittel-Brandenburg – sowohl in Gruppen als auch in der häuslichen Pflege – und steht zudem deren Angehörigen unterstützend zur Seite. Mit Herzlichkeit und Einfühlungsvermögen hört er zu, wenn Ehepartner:innen oder Familienmitglieder ihr Herz ausschütten, und findet Erfüllung darin, diese oft bewegenden Lebensgeschichten zu begleiten.

Seit 2016 ist Pia Krugeler ein engagiertes Mitglied der „AG Maske“ beim ASB Berlin. Gemeinsam mit anderen ehrenamtlich Aktiven widmet sie sich trotz ihrer Sehbehinderung der professionellen Darstellung von Verletzungen und Unfallszenen. Die realistische Unfalldarstellung dient dazu, Erst-helfer:innen und Fachkräfte optimal auf echte Notfälle vorzubereiten. Pia Krugelers Inspiration für dieses Ehrenamt kam aus der Überlegung: Wer könnte besser die Rolle einer blinden Person in einer Notsituation übernehmen als ein blinder Mensch selbst? Durch ihre Arbeit im Team hat sie nicht nur wertvolle Unterstützung erfahren, sie nutzt auch die Möglichkeit, eigene Ideen und Perspektiven einzubringen. Die Auszeichnung bedeutet für die junge Frau mehr Sichtbarkeit, auch für Menschen mit Behinderung. Es sollte nichts Besonderes sein, sondern selbstverständlich, dass sich jede oder jeder Einzelne, egal was er oder sie kann, im Ehrenamt engagiert.

Mit der Auszeichnung „Freiwillige:r des Monats“ würdigt der ASB regelmäßig Menschen, die mit ihrem ehrenamtlichen Einsatz das Wirken des Verbandes bereichern. „Ohne unsere Ehrenamtlichen wären viele der Dienste und Angebote in dieser Form gar nicht umsetzbar“, betont ASB-Hauptgeschäftsführer Dr. Uwe Martin Fichtmüller. Diese Auszeichnung ist ein Zeichen der Dankbarkeit und soll die enorme Bedeutung ehrenamtlicher Arbeit ins öffentliche Bewusstsein rücken. 

Herausforderungen und Chancen
Die Arbeit von Vereinen wie dem ASB und Neuland gewinnen wird angesichts des demografischen Wandels und gesellschaftlicher Veränderungen immer wichtiger, wobei das große Engagement der Freiwilligen zeigt, dass Gemeinwohl eine unverzichtbare Gemeinschaftsaufgabe ist. Gerade in herausfordernden Zeiten kann eine solidarische Zivilgesellschaft die Lebensqualität nachhaltig verbessern. Das Potenzial für freiwilliges Engagement bleibt nur dann weiterhin groß, wenn die politischen Rahmenbedingungen stimmen. Der Annemarie-Renger-Preis war schon immer eine Würdigung mit einer klaren Botschaft: Ein starkes Gemeinwesen braucht Menschen, die Verantwortung übernehmen – und eine Politik, die ihre Leistung anerkennt.


Text: Nadine Koberstein