Bewusstsein schärfen und Resilienz stärken
ASB fördert Hilfe zur Selbsthilfe für den Katastrophenfall

Zunehmende Extremwetterereignisse sowie Bedrohungslagen wie Pandemien und Kriege erfordern einen erweiterten Fokus auf den Bevölkerungsschutz – insbesondere in den Bereichen Prävention, Vorsorge und Selbstschutz. „Wir müssen die Selbstschutzfähigkeiten der Bevölkerung stärken“, betont Edith Wallmeier, Geschäftsführerin Einsatzdienste beim ASB-Bundesverband. „Die Menschen benötigen mehr Informationen und Schulungen für das richtige Verhalten im Ernstfall. So könnten sie sich selbst und ihrem Umfeld besser helfen, bis organisierte Hilfe eintrifft.“
Wir erinnern uns: Sturmtief Bernd, das im Juli 2021 großflächig zu massiven Zerstörungen mit Todesopfern führte, traf die Bevölkerung beinahe unvorbereitet. Über 180 Menschen starben, unzählige verloren ihr Hab und Gut. Das Hochwasser hat gezeigt, dass die Menschen stärker dabei unterstützt werden müssen, sich vorzubereiten, sich im Notfall – vor Eintreffen der Rettungskräfte – selbst zu helfen und ihr Zuhause gegen Gefahren zu sichern. Der Klimawandel offenbart sich inzwischen immer öfter durch Dürren, Brände oder Überflutungen – von diesen Veränderungen sind die Politik und die Kommunen ebenso betroffen wie jede:r Einzelne. Die Hilfs- und Blaulichtorganisationen stehen vor wachsenden Herausforderungen. Hinzu kommen mangelndes Katastrophenbewusstsein, zunehmende Akutlagen sowie Selbstüber- und Unterschätzung der eigenen Handlungsmöglichkeiten in der Bevölkerung. „In Deutschland gibt es einen erheblichen Nachholbedarf in der Risikokommunikation“, erklärt Edith Wallmeier. „Wir müssen schnelle und wirksame Kommunikations- und Bildungsstrategien für unterschiedliche Zielgruppen entwickeln, die Vorsorgemaßnahmen zum Selbstschutz fördern und das Wissen über regionale Katastrophenrisiken erweitern.“
Das übergeordnete Ziel
Die Katastrophenforschung bestätigt: Ohne die Mithilfe der Zivilbevölkerung ist die Bewältigung von Schadenslagen nicht oder nur kaum zu realisieren – besonders im Hinblick auf die Intensivierung und Häufung von Naturkatastrophen. Prof. Dr. Michael Stricker, Leiter des Katastrophenforschungsprojekts RISK_M* an der Hochschule Bielefeld und Mitglied im ASB-Bundesvorstand, erklärt: „Bei Katastrophen ist es von entscheidender Bedeutung, dass Individuen, Gemeinschaften und Gesellschaftssysteme in der Lage sind, sich nach extremen Ereignissen schnell zu erholen, sich anzupassen und gegenüber künftigen Bedrohungen stark zu bleiben. Ein geübter Umgang mit schwierigen Situationen ermöglicht es uns, schneller zu reagieren und das Leben nach einer Katastrophe wiederherzustellen. Der Begriff Resilienz (siehe Infokasten) umfasst dabei sowohl physische Maßnahmen wie bauliche Vorrichtungen als auch soziale Aspekte wie das Krisenbewusstsein und die Selbstwirksamkeit der Bevölkerung.“ Der ASB setzt sich dafür ein, möglichst viele Menschen auf das richtige Verhalten bei Katastrophen vorzubereiten, und ermutigt sie, sich schon im Vorfeld mit den Themen der Krisenvorsorge auseinanderzusetzen – auch im Interesse der eigenen Familien und im Sinne gegenseitiger, nachbarschaftlicher Unterstützung. Betroffene sollten in Notlagen wissen, welche Schutzmaßnahmen zu ergreifen sind oder wie mit Umsicht Hilfe für sich und andere organisiert werden kann.
Das ASB-Resilienzprogramm ![]()
Die Praxis zeigt, dass es im Kopf vieler Menschen Barrieren gibt, sich aktiv mit dem Thema Selbstschutz auseinanderzusetzen. Eine Aufklärung für jede:n Einzelne:n, im Zusammenspiel mit Kommunen, kritischer Infrastruktur, Unternehmen oder sozialen Einrichtungen, trägt dazu bei, mehr Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit zu schaffen. Im Februar 2024 wurde daher das „ASB-Resilienzprogramm“ ins Leben gerufen – ein Projekt, das der ASB-Bundesverband in Kooperation mit der Hochschule Bielefeld und der Katastrophenforschungsstelle der FU Berlin durchführt. Das Ziel: Die Bevölkerung soll in Zusammenarbeit mit Kommunen und Hilfsorganisationen in ihren Selbstschutzfähigkeiten gestärkt und ermutigt werden, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen.
„In Deutschland gibt es bereits eine Vielzahl von Maßnahmen, wie Sensibilisierungskampagnen der Behörden oder Notfallpläne in Kommunen, die dazu beitragen, die Bevölkerung für das Thema zu interessieren. Es ist jedoch wichtig, dass die Maßnahmen leicht verständlich, zugänglich und praxisnah sind“, erklärt Prof. Stricker. „Auch besonders verletzliche Gruppen sollten über die nötige Resilienz verfügen. Zu ihnen zählen ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen oder sozial benachteiligte Menschen. Sie sind oft stärkeren Risiken ausgesetzt und verfügen über weniger Ressourcen, um sich angemessen zu schützen. Wenn diese Gruppen mit in den Fokus der Katastrophenvorsorge rücken, kann dies den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken und dazu beitragen, niemanden zurückzulassen.“
Es geht in einer resilienten Gesellschaft auch darum, aufeinander zu achten, an die anderen zu denken sowie bestenfalls die jeweiligen Aufgaben der Einsatzkräfte und die der Kommunen zu kennen. Die Evakuierung eines Pflegeheims zum Beispiel hat Auswirkungen auf die nächstgelegene Schule, wenn dort Räumlichkeiten für die Evakuierten zur Verfügung gestellt werden. Dabei werden in Notlagen oft pragmatische Lösungen gefunden, die es zu nutzen gilt. So ist es hilfreich, den Nachbarn Dusch- oder Waschmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen oder Aufladestationen für Handys. Manchmal ist es schon hilfreich, ein Blatt mit dem WLAN-Code aufzuhängen, damit sich jeder ins Internet einwählen und Kontakt zur Familie aufnehmen kann. Es sind häufig nicht die großen Ideen Einzelner, die die Resilienz stärken, sondern die richtige Reaktion vieler zum richtigen Zeitpunkt.
Vorsorge und Hilfe für vulnerable Gruppen![]()
Im Rahmen seines Resilienzprogramms führt der ASB an verschiedenen Standorten „Round Tables“ mit Vertreter:innen der Kommunen, sozialer Einrichtungen sowie der regionalen Feuerwehr und lokaler Hilfsorganisationen durch. Hier geht es um Grundsätzliches: „Wie können wir die Gemeinschaft stärken und Nachbarschaftshilfe fördern?“ Oder: „Wie können wir aufklären und Wissen vermitteln, ohne Angst zu schüren?“ Neben den NRW-Standorten Mechernich und Erftstadt nimmt auch der ASB in Sachsen an dem Programm teil. Alexander Penther, Geschäftsführer des Ortsverbandes Neustadt/Sachsen, stellt fest: „Wir als Gesellschaft und insbesondere der ASB als Wohlfahrtsverband haben die Aufgabe, zu informieren und vulnerablen Gruppen Vorsorge und Hilfe anzubieten. Hier denken wir vor allem an pflege- und hilfsbedürftige Mitmenschen, denen Vorsorge in einer sehr ländlich geprägten Region schwerfällt oder nicht mehr möglich ist. Für unsere Pflegeeinrichtungen bedeutet Vorsorge unter anderem, den Notfallplan aktuell zu halten, Notstromaggregate sowie Zeltheizgeräte zu besitzen und ständig einen ausreichenden Lebensmittel- und Trinkwasservorrat vorzuhalten.“
Alexander Penthers Erfahrung nach ist es unverzichtbar, dabei die Bevölkerung einzubinden: „Während der Hochwasserkatastrophen der letzten Jahre oder beim Waldbrand 2022 hat die Gesellschaft stark zusammengehalten. Jedoch haben wir auch feststellen müssen, was gefehlt hat oder wo es über einen längeren Zeitraum zu Engpässen gekommen ist. Mit neuen Situationen wie Mangellagen oder Krieg nimmt das Thema Resilienz und Vorsorge noch mal einen ganz anderen Stellenwert ein.“ Mit seinem aktuellen Forschungsprojekt will der ASB an diesem Thema arbeiten, praktische Erfahrungen teilen und passende Lösungen für Menschen in der jeweiligen Region erarbeiten.
Von der Theorie in die Praxis: das Programm EHSH
Das vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenvorsorge (BBK) finanzierte Programm „Erste Hilfe mit Selbstschutzinhalten“ (EHSH) hat sich seit 2020 mit bundesweiten Kursangeboten erfolgreich seinen Weg in die Bevölkerung gebahnt und stellt ein zielgruppenübergreifendes Bildungsangebot dar. Hier geht es um Notfallbevorratung und um das Verhalten bei unterschiedlichen Krisen und Katastrophen wie Hochwasser, Stromausfall und auch Unwetter wie Gewitter, Stürme und Orkane. Jeder kann Fragen stellen und üben, was in einen Notfallrucksack gehört oder welche Lebensmittel und wie viel Trinkwasser bevorratet werden sollten. Teilnehmende aller Altersgruppen erhalten Tipps, wie sie sich bei einem Stromausfall helfen, ihre Dokumente sichern oder ihr Haus vor Hochwasser schützen können.
Durchgeführt wird das Programm von allen anerkannten Hilfsorganisationen. Edith Wallmeier erklärt: „Dies ist ein kostenloses, niederschwelliges Angebot, das einen wichtigen Beitrag zu einer resilienteren Gesellschaft leisten kann und den Begriff Katastrophenprävention – auch in der Bevölkerung – in den Fokus rückt.“ Der ASB bietet in seinen Kursen praktikable Lösungen an und zählte im Juni 2024 bereits den 100.000 Teilnehmenden. Weitere Informationen zu „EHSH im ASB“ sowie den Kursangeboten und -inhalten finden Sie unter www.asb.de/ehsh
Jeder soll erreicht werden
Eine Zeitenwende im Bevölkerungsschutz ist dringend erforderlich, sowohl in enger Zusammenarbeit mit der Politik und den Bundesbehörden als auch im Austausch mit anderen Hilfsorganisationen und der Bevölkerung. So setzt sich der ASB seit Jahren im Dialog mit politischen Entscheidungsträger:innen und in Gesprächen mit Bundestagsabgeordneten für eine umfassende Modernisierung des Katastrophenschutzes ein. Es bedarf sowohl finanzieller Zuwendung als auch struktureller Reformen, um sicherzustellen, dass Zielgruppen erreicht werden, die das Hilfeleistungssystem verstehen, Maßnahmen umsetzen oder sich aktiv engagieren können. „Ohne einen starken Bevölkerungsschutz und die Unterstützung der Zivilgesellschaft wird es in Zukunft unmöglich sein, Schadenslagen zu bewältigen“, sagt Edith Wallmeier. „Hilfe zur Selbsthilfe ist der richtige Ansatz, den es zu fördern gilt. Dorthin müssen die notwendigen Mittel fließen, um größere Katastrophen langfristig zu verhindern.“
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Was ist Resilienz?
Bezogen auf den Menschen beschreibt Resilienz die Fähigkeit von Personen oder Gemeinschaften, schwierige Lebenssituationen wie Krisen oder Katastrophen ohne dauerhafte Beeinträchtigung zu überstehen. (Quelle: Lexikon der Entwicklungspolitik/BMZ) |
Text: Johanne Peter/Vera Franzen/Alexandra Valentino
* Das Forschungsprojekt „RISK_M – Soziale Mobilisierung zur Optimierung eines Risikomanagements bei extremen Hochwasserereignissen“ wird in Kooperation der FH Bielefeld mit dem ASB-Bundesverband durchgeführt.